4 Wölfe · Leseempfehlung · Rezension

“Opiumschwaden: Der Mörder von St. Audrey” – Raik Thorstad

©Klappentext, Cover & Zitat: Cursed Verlag

 

Ebook: 7,49 / Taschenbuch: 10,95 (Verlag)

Seitenzahl: 398

Verlag: Cursed Verlag

Release: 23. Juni 2017

Genre: Romance, Historisch

 

Klappentext:

Es hätte eine vollkommen ereignislose Rückfahrt von Plymouth nach London werden sollen, doch als die Kutsche des Rechtsgehilfen Benjamin Underwood bei strömendem Regen im Dartmoor verunglückt, ahnt er noch nicht, dass sein Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. Unterschlupf findet er in einer abgelegenen Ortschaft, dessen Bewohner alles andere als gewöhnlich sind. Zu allem Überfluss wird er auch noch in die Untersuchung des mysteriösen Mords am Dorfpfarrer hineingezogen. Überraschenderweise ist sein einziger Verbündeter der offensichtlich verrückte Schmuggler Kobold. Doch Kobold denkt nicht nur ganz anders als gewöhnliche Menschen, er weckt in Benjamin auch Gefühle, die zwischen zwei Männern verboten sind…

Zitat:

“Kaum eine Frage ist so schwer zu beantworten wie die nach dem eigenen Wesen. Es fällt uns stets leicht, andere zu beurteilen, vielleicht sogar zu verurteilen.”
“Er betrachtete mich von oben bis unten, als wäre er sich nicht schlüssig, ob er nach mir greifen und mich würgen sollte oder nicht.”
“Dann küsste er mich, und dieses Mal war ich es, der ihn an mich zog.”
“Männer wie wir haben es nicht leicht, aber mit dem richtigen Gefährten an unserer Seite wird es hell am Horizont.”

Eigene Meinung:

Es hätte eine völlig ereignislose Rückfahrt von Plymounth nach London sein können. Rechtsgehilfe Benjamin Underwood hatte gehofft, dass er so schnell wie möglich wieder zu seiner schwangeren Frau nach Hause zurückkehren könne. Doch bei strömendem Regen mitten im Dartmoor verunglückt seine Kutsche, die ein Schlagloch erwischt hat. Auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf gelangen er und sein Kutscher in ein abgelegenes Dorf, dessen Bewohner alles andere als gewöhnlich sind. Als die Bewohner erfahren, welchen Beruf er ausübt, sehen sie in ihm die Hoffnung einen rätselhaften und brutalen Mord am Dorfpfarrer lösen zu können. Dann wäre da noch der offensichtlich verrückte Schmuggler Kobold, der in Benjamin Gefühle weckt, bei denen er gehofft hatte, sie tief genug vergraben zu haben.

Bisher kenne ich lediglich ein Buch der Autorin und war von diesem damals ziemlich gefesselt. Das war hier am Anfang auch der Fall. Ich fand die Idee schon sehr interessant, dass wir quasi Benjamins Geschichte lesen, da er ein Buch für seinen besten Freund verfasst, um zu erklären, warum er entsprechend gehandelt hat, was ihm damals im Dartmoor widerfahren ist und was das für einen Menschen aus ihm gemacht hat. Dadurch wird die Geschichte natürlich nur aus Bens Sicht erzählt, was einige Stellen in dem Buch tatsächlich ein wenig bizarr werden lässt und dadurch noch mehr Spannung aufbaut.
Wir erleben mit Ben den Kutschenunfall, wie er durch strömenden Regen mit seinem Kutscher einen Unterschlupf sucht und beim Lesen habe ich mich in der Situation nur noch mehr in meine Decke gekuschelt, weil ich das Gefühl hatte, selbst durch Platzregen zu wandern. Das Eintreffen in das Dorf, das anfängliche Misstrauen gegenüber den Dorfbewohnern, das nie ganz verschwindet. Dieser seltsame, skurrile und barbarische Mord, dem sich Benjamin widmet, dadurch auf ein Geheimnis nach dem anderen stößt und sich mit Abgründen der Menschheit auseinandersetzen muss und gleichseitig auf einen verrückten Einsiedler trifft, hinter dem so viel mehr steckt, als man anfangs ahnt. Mit jedem Kapitel wurde es spannender und ich hab selbst so mitgerätselt, wer der Mörder sein könnte. Ich hatte eine kleine Ahnung aber über die entgültige Auflösung war selbst ich überrascht, vor allem fiel eine Aussage, die mir tatsächlich erst zu diesem Zeitpunkt, warum auch immer, aufgefallen ist, erst da wurde es mir so richtig bewusst, ich habe vorher nie wirklich drauf geachtet, vielleicht weil Ben selbst nicht drauf geachtet hat, ich weiß es nicht. Es fiel mir nur wie Schuppen von den Augen und ich dachte nur, stimmt.
Das Dartmoor ist stets vom Nebel umgeben, was schon an sich eine bedrückende Stimmung erzeugt. Auch Bens Versuche Licht in das Dunkel zu bringen, den Nebel zu durchdringen, die Rätsel zu lösen und zu erkennen, welchen Weg er gehen soll. Am Ende hatte ich sogar das Gefühl, als wäre all das nie geschehen, was Ben dort im Moor erlebt hat. Es wirkte so unrealistisch, so unscharf, allein da Ben den Opiumschwaden von Kobold ausgesetzt war, als auch den seltsamen Kräutertränken der Heilerin des Dorfes.
Muss sich Ben im Dorf äußerlichen Gefahren stellen, so muss er, als er endlich wieder Zuhause ist, den Kampf mit inneren Dämonen aufnehmen. Möchte er sich weiterhin der gesellschaftlichen Norm anpassen oder der Mensch sein, der er wirklich ist.

Raik Thorstadt überzeugt hier wieder mit einem wirklich gelungenem Schreibstil. Sprachlich und erzähltechnisch passt es ins 19. Jahrhundert und man hat wirklich das Gefühl, das Buch von einem Menschen einem Autor zu lesen, der aus dieser Zeit stammt. Das ist mir schon bei dem vorigen Buch aufgefallen, inhaltlich und stilistisch hatte ich das Gefühl das Buch von einem Benjamin Underwood in den Händen zu halten, der mir erzählt, was er damals in dem Dartmoor erlebt hat. Ben erzählt uns einfach nicht nur seine Geschichte, er reflektiert und kommentiert auch die Geschehnisse. Zum Anfang eines jeden Kapitels philosophiert Ben, lässt uns nochmal an Gedanken teilhaben, die er sich gemacht hat, während er das Buch verfasst. Dadurch bekommt man einen winzigen Einblick, worum es ganz grob in dem jeweiligen Kapitel geht und wie sich Ben fühlt, als er diese Zeilen verfasst hat. Er reflektiert selbstkiritsch aber auch ironisch, er setzt sich selbst mit den Geschehnissen nochmals auseinander und noch immer versucht er zu verstehen, was dort eigentlich passiert ist, ob das wirklich alles passiert ist.

Ich wäre gerne noch länger bei Ben und Kobold geblieben, hätte gerne genauer erlebt, wie sie sich von den Geschehnissen im Moor erholen und wie sie ihr Leben nach alldem weiterführen. Dennoch für mich ein weiterer gelungener Roman mit einem spannenden und schaurigem Aufenthalt im Moor.

Kritik:

Sobald Ben das Dorf verlässt, lässt die Spannung nach. Das letzte Drittel wirkt ein wenig so, als müsse die Autorin noch wichtige und vor allem viele Elemente stark zusammenfassen, sodass die Beziehung zwischen Kobold und Ben recht schnell abgehandelt wirkt. Kobold scheint Ben nicht zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen und nur weil er die Entscheidung einfach empfand, so zu sein, wie er nunmal ist, geht er davon aus, dass das sofort jeder könnte. Dabei kämpft Ben noch immer gegen die Dämonen aus dem Dartmoor an und versucht die Geschehnisse zu verarbeiten. Dadurch wirkt es recht einseitig. Kobold ist ein Mensch, der entscheidende Veränderungen in Bens Leben gebracht hat, doch dafür bleibt er recht blass. Man hätte beiden mehr Zeit einberäumen müssen, um sich nochmal außerhalb des Dorfes kennenzulernen, ohne diese Bedrohung im Hintergrund, dafür wurde das zum Ende alles zu schnell abgehandelt.

Fazit:

“Opiumschwaden: Der Mörder von St. Audrey” ist eine Schauergeschichte über ein Moor umgeben von Nebel, in dem der Rechtsgehilfe Benjamin Underwood sich nach einem Unfall in einem seltsamen Dorf wiederfindet, in dem die Bewohner, abgelegen von jeder Zivilisation, sich mit einem grauenhaften Mord auseinandersetzen müssen und Ben immer mehr dunkle Geheimnisse aufdeckt, die ihn selbst an seinem Verstand zweifeln lassen. Ein detaillierter und zum 19. Jahrhundert passender Schreibstil, zwei außergewöhnliche Hauptcharaktere, die zusammen sich den Gefahren des Moors entgegenstellen und Abgründe der Menschen entdecken, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten. Für mich ein weiterer Beweis, dass ich unbedingt mehr von der Autorin lesen muss. Mich hat das Buch aus meiner Leseflaute befreit und ich konnte es kaum aus der Hand legen. Zum Ende hin hätte ich mir gerne einfach noch mehr gewünscht aber die Geschehnisse im Dorf hab ich fiebernd mitverfolgt und bin mit Ben umhergeirrt, um endlich herauszufinden, wer der Mörder ist, nur um dann überrascht auf die Zeilen zu starren, als ich dann die Wahrheit erfuhr. Wer also eine Geschichte mit einer etwas anderen Romance und Gruselfaktor möchte, sollte sich das Buch nicht entgehen lassen. 

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