3 Wölfe · Geschmackssache · Kurzgeschichte · Rezension

“Tyrannen `86” – Silvia Hildebrandt

©Klappentext, Cover & Zitat: Silvia Hildebrandt

 

Ebook: 0,99 / Taschenbuch: 5,34

Seitenzahl: 105

Verlag: Selfpublished

Release: 14. April 2019

Genre: Drama

Klappentext:

“Es gibt keine Homosexuellen in der Sozialistischen Republik.
Keine echte Liebe.
Diese korrupten Ideen aus dem Westen existieren nicht in einer perfekten Welt.”
Sergiu Tudorescu strebt eine Karriere als Securitate-Agent im kommunistischen Rumänien der 1980er Jahre an. Als seine geheime Beziehung mit Andrei entdeckt wird, droht ihm die Todesstrafe.
Nur ein Auftrag kann ihn noch retten: er soll seinen charismatischen Kollegen, Colonel Attila Novák, ausspionieren und beweisen, dass dieser ebenfalls homosexuell ist.
Doch als Sergius Mission kurz vor der Vollendung steht, zögert er, Novák auszuliefern. In den Wochen, in denen sie sich näher gekommen sind, verliebte sich Sergiu Hals über Kopf in sein Zielobjekt…

Doch jetzt gibt es nur noch eine Option: töten oder getötet werden.

Zitat:

“Unter normalen Umständen –  was bedeutete, wenn Attila nicht der Securitate-Schlächter wäre und wenn Sergiu nicht einverstanden gewesen wäre, Andrei zu töten, um sich selbst zu retten – würde er diesen schüchternen Kerl an der Bar richtig niedlich finden.”
“Ohne etwas zu sagen, steht Sergiu auf, vermeidet es, Attila anzusehen und verlässt sein Elternhaus.”
“Er kann nicht aufhören, er kann nicht aufhören zu reden und zu weinen.”

Eigene Meinung:

Eine Zeit, ein Land in dem heute Homosexualität zwar legalisiert ist aber ob es anerkannt wird, ist fragwürdig. Sergiu Tudorescu steht vor einem Hindernis um in seiner Karriere als Security-Agent weiter auf zusteigen. Die Beziehung zu einem Mann ist nicht gern gesehen, wird als Krankheit betitelt und steht unter Todesstrafe. Nur durch die Annahme einer speziellen Mission kann Sergiu dieser entgehen. Doch was passiert, wenn er bei seiner Mission bemerkt, dass da viel mehr ist, als nur der Auftrag, was ist, wenn Gefühle ins Spiel kommen?

Dies ist meine erste Geschichte der Autorin und man sollte zu dieser kurzen Novelle nicht greifen, wenn man keine starken Nerven hat. Auf wenigen Seiten vermittelt einem die Autorin schon sehr prägend, wie schwer es damals war, als homosexueller Mann in Rumänien zu leben, bzw. zu überleben. Die Stimmung ist düster und bedrückend, mit einem eher nüchternen, realistischen aber nicht sachlichen Schreibstil, schafft es die Autorin eine beklemmende Grundstimmung zu erzeugen, die einen schon mal schwer schlucken lässt. So viel Ungerechtigkeit, wie in diesen wenigen Seiten den beiden Protagonisten passiert, kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Auch wenn den beiden auch mal ruhigen Momenten gegönnt ist, hat man das Gefühl ständig gehetzt zu sein und  bangt um jede Minute, die man die beiden begleitet, ob sie es schaffen oder nicht, wie werden sie sich entscheiden, was wird geschehen, werden sie es schaffen?

Attila Novák hat mich an diesem Buch am meisten gefesselt und ich bin schon gespannt, seine ganze Geschichte zulesen. Man ist sich bis zum Ende hin nicht sicher, was genau er vorhat, weiß er vielleicht schon längst über Sergiu Bescheid. Mit Attila hat die Autorin einen faszinierenden und fesselnden Charakter geschaffen, den man trotz seiner Taten, am Ende des Buches nicht verurteilen kann, es wird nur noch deutlicher, wie verzweifelt er im Grunde auch ist und wie schwer er unter dem Ganzen zu leiden hat. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum sich die beiden nicht einfach ausgesprochen haben, die Möglichkeiten wären da gewesen, aber beide lebten wohl unter ständiger Angst. Denn es schien so, als könne man sie jederzeit abhören. Mit Attila und wie man ihn am Ende des Buches erlebt, hat mich die Autorin wirklich mitgenommen. Er ist im Grunde ein Opfer dieser Zeit und die Vorstellung, wie er sich gefühlt haben muss, gegen das zu kämpfen, was er selbst verkörpert, man kann dies nicht begreifen. Am meisten bewegt hat mich der Gefühlsausbruch zum Schluss, dort hat die Autorin seitens Attila so viel Verzweiflung, Enttäuschung, Wut und Trauer rüber gebracht, dass bei einem selbst die Gefühle tobten.

Sergiu war mir anfangs noch sympathisch doch im Laufe der Geschichte wurde er immer willenloser und obwohl er der Protagonist ist und man aus seiner Sicht liest, wird er einem beinahe gleichgültig, da ihm wenig Eigenleben eingehaucht worden ist, er kommt eher als willenlose Puppe rüber, was ich schade fand. Natürlich ist es zu der Zeit, dem Ort und den Gegebenheiten schwer zu kämpfen, aber seitens Sergiu kommt da nichts, er gibt sich allem hin und es kommt einem vor, als hätte er keinen eigenen Willen. Auch bei einer schwerwiegenden Tat, die ihn eigentlich hätte treffen müssen, bleibt er beinahe emotionslos, es war leider wenig fesselnd, dass der Protagonist so blass blieb, so durchsichtig. Man erfährt auch kaum was über ihn, keine Vergangenheit, nichts über seine Familie, was ihn nicht wirklich greifbar gemacht hat. Doch durch Sergiu wurde die allgemeine Stimmung gut aufgefangen und an den Leser übertragen, was vermutlich das Ziel der Autorin war. Dies hat mich zwar erreicht aber nur teilweise, weil Sergiu nicht komplett überzeugend war und es war auch einfach nicht ganz meins.

Am meisten überzeugt hat mich die rübergebrachte Stimmung in dem Buch. Sollte Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung den Leser erreichen, dann ist dies definitiv gelungen, ich persönlich fand es sehr schade, gibt es nicht überall ein bisschen Hoffnung? Attila und Sergiu haben auch nicht wirklich den Eindruck gemacht, als hätten sie gar keine Hoffnung mehr, es fehlte einiges um die Gänze der Hoffnungslosigkeit zu begreifen und warum die Charaktere so handeln. Leider wird dadurch das Ende aber auch beinahe vorhersehbar, was die Geschichte “lahm” erscheinen lässt, man liest eigentlich nur, wie es zu dem unausweichlichen Ende kam. Dennoch hat mich die Denkweise über Homosexualität schockiert und es war so absurd, das man es sich heutzutage einfach nicht mehr vorstellen kann. “So etwas wie Schwule gibt es nicht, nein, nein, ausgeschlossen” das ist so unbegreiflich, was mich an der Geschichte dann am meisten bewegt hat.

Eine Geschichte über eine Land zu einer Zeit, die so hoffnungslos war, dass man beim Lesen selbst verzweifelt und mitgenommen ist bei so viel Ungerechtigkeit. Für schwache Nerven ist dieses Buch definitv nichts.

Kritik:

Nicht nur die Charaktere blieben recht farblos und blass, auch hatte man während des Lesens das Gefühl, die Geschichte könne in jedem x-beliebigem Land spielen. Lediglich die Sprache, wo cih hin und wieder eine Übersetzung schön gefunden hätte und Städtenamen kommen vor, aber weder erfährt man genaueres über die Hintergründe des Landes, außer das, was man sich durch die Charaktere erahnen kann, noch erfährt man wie es dort allgemein gerade aussah. Scheinbar spielte die Geschichte zu Kriegszeiten, ganz sicher ist man sich aber nicht, da nicht mal das erwähnt wurde. Auch nicht wie es militärisch aussieht, zu welcher Einheit gehören Attila und Sergiu, auch das wird nicht genaustens erklärt. Im Grunde fehlen einem wichtige Kontexte um das ganze Spektrum und Ausmaß zu begreifen.

Am meisten Eindruck hat wie gesagt Attila hinterlassen, auch wenn man gerne noch mehr über ihn erfahren hätte, denn ich war wirklich überrascht, wie jung dieser Charakter eigentlich erst ist. Was genau hat er erlebt, dass er wirkt als wäre er schon um die 40. Es müssen prägende Erlebnisse stattgefunden haben, die hier aber nicht erwähnt werden, worauf ich dann in der Geschichte zu Attila hoffe. Sergiu habe ich nach dem Zuklappen des Buches beinahe schon wieder vergessen, er hinterlässt keinen bleibenden Eindruck und er wird einem beinahe egal, da er willenlos und fremdgesteuert rüber kommt, er macht sich zu nichts seine eigenen Gedanken.

Fazit:

Die Novelle ist eine bedrückende und düstere Geschichte über Rumänien zu einer Zeit, in der Homosexualität mit dem Tode bestraft wurde. Was man sich in heutiger Zeit einfach nicht mehr vorstellen kann. Aber genau diese Hoffnungslosigkeit und Auswegslosigkeit vermittelt die Geschichte rund um Sergiu und Attila, man spürt sie selbst während des Lesens. Die Autorin hat durch den Protagonisten Sergiu deutlich vor Augen geführt, wie aussichtslos und hoffnungslos man sich zur damaligen Zeit gefühlt haben muss. Das ist aber denke ich nicht für jedermann etwas. Das Buch hat seine Höhen und Tiefen und konnte mich nicht gänzlich überzeugen aber was die Autorin definitv geschafft hat ist, die Stimmung und Gefühle einzufangen, die man zur damaligen Zeit haben musste und sie dem Leser zu vermitteln, auch wenn dies durch ein paar weitere Ergänzungen zu dem Land, sowie mehr Backround zu den jeweiligen Charaktere, noch mehr ausgebaut hätte werden können, um das Ganze noch greifbarer zu machen. Mich hat Novelle auf jeden Fall auf Attilas Geschichte aufmerksam gemacht, denn dieser Charakter hat einen wirklich bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, sodass über definitiv noch mehr lesen möchte.

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